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StadtentwicklungKommunale Strategien zur Förderung des Wohnungstauschs im AlterDietrich SchwarzWohnen im AlterKann eine kommunale Strategie der Förderung des Wohnungstauschs erfolgreich sein?In einer Pressemitteilung vom Mai 2020 macht die pantera AG, ein auf die Projektentwicklung von sog. Serviced Apartments spezialisiertes Unternehmen ausKöln, mit der Nachricht auf: „Jeder Zweite würde im Alter in eine kleinere Wohnung ziehen – über 10 Mio. m2 Wohnreserven in den Städten würden auf dieseWeise frei.“1 In Zeiten, in denen vor allem in Großstädten und Ballungsräumenausreichender und bezahlbarer Wohnraum für viele Familien Mangelware ist unddie Entwicklung von Neubauvorhaben viel Planungszeit in Anspruch nimmt, wärees interessant, ob nicht bereits durch eine bessere Verteilung der vorhandenenWohnflächen ein wirksamer Beitrag zur Befriedigung der Wohnungsnachfragegeleistet werden kann.Viele Menschen im fortgeschrittenen Alter, insbesonderedann, wenn sie in ihrer alten, großen Mietwohnung oderin ihrem Einfamilienhaus inzwischen allein leben und ihnendie Unterhaltung ihrer Wohnung zunehmend schwerfällt,weil z.B. das Wohnhaus im Fall einer Gehbehinderung nichtbarrierefrei ausgestattet ist u.a., haben den Wunsch nachVeränderung in eine kleinere Wohnung. Diese soll möglichstin ihrer vertrauten Umgebung liegen, mit guter infrastruktureller Ausstattung im Wohnumfeld und u.U. auch verbundenmit der Möglichkeit, Hilfen im Haushalt oder bei Bedarf pflegerische Leistungen in Anspruch nehmen zu können. Häufiggibt es aber niemanden, der ihnen bei der Verwirklichungihres Wunsches zur Seite steht. Oder seine Umsetzung scheitert an finanziellen Problemen, die Ersatzwohnung bezahlenund einen Umzug organisieren zu können. So bleiben diealte Dame und der alte Herr trotz ihres Wunschs, sich miteiner kleineren Wohnung zu begnügen, in der sie sich besserzurechtfinden würden, in ihrer bisherigen großen Wohnungsitzen und wertvolle Wohnfläche, auf die andere Familienangewiesen wären, geht auf diese Weise verloren. Man kannauch sagen: Auf diese Weise entstehen neue Wohnungsbrachen! Es geht also darum, ältere Bewohnerinnen und Bewohner mit übergroßen Wohnflächen zu einem Umzug zumotivieren (Weber 220).sondern um die Erfüllung von veränderten Wohnungsbedarfen im Alter, also nur um freiwillige Entscheidungen für einenWohnungswechsel. Was ist an der Behauptung richtig, dieMobilisierung von Flächenreserven scheitere am Umzugsmanagement, an der fehlenden Mitwirkung und Flexibilität derVermieter oder an der Bereitstellung von geeignetem Ersatzwohnraum? Und wenn der Wohnungsmarkt das Problemoffenbar nicht bedarfsgerecht lösen kann, welche Interessenstehen dem möglicherweise entgegen? Zu vermuten ist, dassdie meisten Marktteilnehmer dieses Geschäftsfeld für sich –außer im hochpreisigen Wohnungsbau – noch nicht als lukrativ genug erkannt haben oder die Erfüllung der dafür im Vorlauf anfallenden Dienstleistungen, die mit Kosten verbundensind, nicht als ihre Aufgabe betrachten.Aber sind die Wohnflächenreserven wirklich so hoch, wie interessierte Kreise es glauben machen wollen? Denn schließlichkann es nicht um die Zwangsbewirtschaftung von Wohnraumgehen und erst recht nicht um die Befriedigung von Neidkomplexen zu Lasten derer, die genügend Wohnraum haben,Zunächst zu den Fakten: Wie das Statistische Bundesamtunlängst auf einer Pressekonferenz im Wohnungsbauministerium in Berlin berichtet hat2, führt der Mangel an Wohnraum in den sieben größten Städten Deutschlands dazu, dassMenschen dort näher zusammenrücken müssen: Die durchschnittliche Wohnfläche pro Person habe dort zwischen2010 und 2018 um 1,7 auf 39,2 m2 pro Person abgenommen. Hinzu komme, dass der knapper werdende Wohnraumzunehmend von mehreren Haushalten geteilt wird. So stiegz.B. der Anteil der von zwei Personen bewohnten Wohnungen im genannten Zeitraum von 30 auf 32%. Doch nichtüberall ist die Situation gleich dramatisch: Bezogen auf ganzDeutschland liege der durchschnittliche Wohnflächenkonsum pro Person konstant bei etwas mehr als 45 m2 pro Person. Dieser hohe Wert ist vor allem darauf zurückzuführen,dass in ländlichen Regionen mit Abwanderungstendenzender jungen erwerbstätigen Bevölkerung in die Ballungsräume der Anteil der älteren Bevölkerung zunimmt, deren1 ht-studie-neues-wohnen-2020/2 n/2019/Wohnen/pm StBawohnen.pdf? blob publicationFileVeränderte Wohnbedarfe330vhw FWS 6 / November – Dezember 2020

StadtentwicklungKommunale Strategien zur Förderung des Wohnungstauschs im Alterdurchschnittlicher Wohnflächenkonsum höher als bei denJungen ausfällt, weil es sich vielfach um ländliche Regionenmit Wohnungsleerstand handelt.3Dagegen haben viele Großstädte einen geringeren Bevölkerungsanteil älterer Einwohner. Den niedrigsten Anteil hattenach Angaben des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschungim Jahr 2017 die Stadt Frankfurt am Main mit 16%; Frankfurtist damit die „jüngste“ Stadt Deutschlands und hatte 2017einen relativ niedrigen Wohnflächenverbrauch von 36,12 m2pro Einwohner.4 In anderen Großstädten und BallungsräumenDeutschlands ist die Situation ähnlich. So zeigt sich in denGroßstädten das paradoxe Phänomen, dass der Wohnflächenverbrauch einerseits zwar aufgrund wachsenden Wohlstandsund der Alterung der Bevölkerung steigt, der Zuwachs desWohnflächenkonsums aber durch den Zwang einkommensschwächerer Wohnungssuchender, sich wegen des Mangelsan preisgünstigem Wohnraum flächenmäßig einzuschränken,überkompensiert wird und damit im statistischen Durchschnittpro Kopf dort abnimmt, wo der Anteil der erwerbstätigenjungen Bevölkerung besonders hoch ist. Dennoch stellt sichwegen des Mangels an ausreichendem Wohnraum geradein diesen Zuzugsregionen die Eingangsfrage nach den mobilisierbaren Flächenreserven in Bestandswohnungen ältererHaushalte in zugespitzter Weise.Mobilisierbare FlächenreservenNach der von der pantera AG beauftragten Studie (s.o.) sollenalleinlebende Senioren mit Immobilieneigentum in Deutschland im Schnitt auf 100 m2 wohnen. Bei älteren alleinstehenden Mietern ist der Wohnflächenverbrauch wegen geringererAlterseinkünfte erfahrungsgemäß sehr viel niedriger. Insgesamt steigt der Pro-Kopf-Wohnflächenkonsum aber mit steigendem Alter stetig an, wie das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in seiner Studie „Ist der Wohnungsbau auf demrichtigen Weg?“ vom Juli 2019 belegt hat.5 Gründe dafürseien vor allem die mit dem Alter steigenden Einkommen unddas als Umzugsstarrheit oder Remanenz-Effekt bezeichneteBeharrungsvermögen älterer Menschen, auch aus finanziellenGründen wegen höherer Angebots- als Bestandsmieten in ihrer bisherigen Wohnung zu bleiben und ihre Wohnungsgrößenicht zu verändern. Entscheidend ist deshalb die Frage, inwieweit es gelingt, die Umzugsbereitschaft älterer Menschen zufördern und damit Wohnraum für jüngere Haushalte mit Kindern freizumachen.Festzuhalten bleibt nach der Studie des IW, dass der ProKopf-Wohnflächenkonsum zwischen 1984 und 2017 mitzunehmendem Alter auf 50 bis 60 m2 angestiegen ist und3 ieren/DE/ZahlenFakten/Aeltere-Bevoelkerung.html4 www.frankfurt.de Wohnungsmarktbericht%202018%20(1).pdf5 bau-auf-dem-richtigen-weg.htmlbei wachsendem Anteil der Bevölkerung über 60 Jahren ausdemografischen Gründen nicht damit zu rechnen ist, dass sichdaran in Zukunft grundlegend etwas ändern wird. Wenn junge Familien mit Kindern aber dabei unterstützt werden sollen,in überschaubaren Zeiträumen eine für sie geeignete Wohnung zu finden, damit sie nicht ins Umland der Großstädteabwandern, muss es darum gehen, die Hindernisse, die einemWohnungswechsel älterer Leute und einer Verkleinerung ihrerWohnungsgrößen entgegenstehen, aus dem Weg zu räumen.Damit wäre auch ein nicht unwesentlicher Beitrag zur höheren Auslastung der öffentlichen Infrastruktur und zur Ressourcenschonung verbunden. So ist der Energieverbrauch vonWohngebäuden nach Ermittlungen des Bundesumweltamtstrotz Effizienzsteigerungen aufgrund des höheren Wohnflächenverbrauchs kaum gesunken – sog. Rebound-Effekt (Weber 2020, S. 268).Ausgehend davon, dass Gemeinden mit Wohnungsmangeles weiterhin als eine ihrer vordringlichen Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge begreifen, für ihre Einwohner inüberschaubaren Zeiträumen ausreichenden und bezahlbarenWohnraum bereitzustellen, ist zunächst anhand des konkreten Beispiels einer Großstadt zu untersuchen, wie hoch dasPotenzial für die Aktivierung von Umzügen älterer Haushaltein kleinere Wohnungen wirklich abzuschätzen ist und ob essich für die Gemeinden überhaupt lohnen würde, Mittel dafüreinzusetzen oder ob sie die Lösung der Aufgabe nicht dochbesser dem freien Markt überlassen sollten. Dies soll am Beispiel der mittelgroßen Stadt Wiesbaden im Rhein-Main-Gebietmit ca. 290.000 Einwohnern untersucht werden.Bessere Ausnutzung von Infrastrukturenund RessourcenschonungDie durch eine bessere Auslastung der vorhandenen kommunalen, technischen und sozialen Infrastruktur bewirktenKosteneinsparungen würden zusätzlich dazu beitragen, solche freiwilligen Hilfeleistungen der Städte zu refinanzieren,so dass – fiskalisch betrachtet – keine höhere Belastung derkommunalen Haushalte durch Übernahme solcher Kosteneintreten müsste. Die mangelnde Auslastung der öffentlichenInfrastruktur aufgrund einer Überalterung der Wohnbevölkerung, d.h. durch eine geringere Wohndichte als in den Jahrender Entstehung bestimmter Siedlungsstrukturen, hat durchausfinanzielles Gewicht.Im Ergebnis würde eine kommunale Strategie zur Forcierungvon Umzügen älterer Haushalte in kleinere Wohnungen alsodazu führen, dass sich bei voll ausgelasteten Einrichtungender kommunalen Daseinsvorsorge die Einnahmen der Städte aus Nutzungsgebühren erhöhen und Ausgaben für andernorts nicht mehr oder noch nicht benötigte kommunaleEinrichtungen eingespart werden könnten. Außerdem mussnicht ausdrücklich betont werden, dass die Einlösung einerStrategie des Wohnungstauschs die Beförderung des Vorrangsvhw FWS 6 / November – Dezember 2020331

StadtentwicklungKommunale Strategien zur Förderung des Wohnungstauschs im AlterAbb. 1: Sicherstellung der Versorgung – hier: Eierautomat in Meerbusch-Osterath (Foto: Annick Rietz)der Innenentwicklung vor der Außenbereichserschließung derStädte bewirken würde, der Zersiedlung der Landschaft zuvorkäme und den vielfach unberechtigten Vorbehalten der Bürgerschaft gegenüber neuen Siedlungsentwicklungen in Ballungsgebieten den Wind aus den Segeln nähme. Schließlichhätte ein geringerer Wohnflächenkonsum erhebliche Energieeinsparungen zur Folge und würde die Energieeffizienz vonWohngebäuden verbessern.Ja, das wäre alles möglich, wenn denn bei den älteren Haushalten in unterbelegten Wohnungen die Bereitschaft und derWunsch geweckt werden könnte, aber auch objektive Rahmenbedingungen genügend Anreize für einen Wohnungswechselbieten würden, und es ein ausreichendes Angebot für geeigneten Ersatzwohnraum gäbe. Auf diese Fragen kann es selbstverständlich keine sicheren Prognosen, sondern nur Einschätzungen des vorhandenen Potenzials geben, die sich aber ausstatistischen Datenerhebungen ableiten lassen müssen und fürdie Stadt Wiesbaden im Folgenden wiedergegeben werden.Beispiel WiesbadenNach Angaben des städtischen Amts für Statistik und Stadtforschung für das Jahr 20186 sind in Wiesbaden 57.121 Einwohner über 65 Jahre alt. Das sind ca. 20% der Gesamtbevölkerung von Wiesbaden. 19.574 Personen über 65Jahre bilden Ein-Personen-Haushalte. Sie verteilen sich aufMietwohnungen und Eigentumswohnungen. Die Eigentumsquote liegt in Wiesbaden bei 23,7%. Für Haushalteüber 65 Jahren kann sie mit 35% etwas höher angenommenwerden. Danach leben in Wiesbaden ca. 6.345 Bewohner6 www.wiesbaden.de Statistisches Jahrbuch 2018.pdf 03 Bauen und Wohnen Auszug Statistisches Jahrbuch%20(1).pdf332vhw FWS 6 / November – Dezember 2020von Ein-Personen-Haushalten der über 65-Jährigenin eigenen Immobilien undca. 11.783 Bewohner vonEin-Personen-Haushaltenüber 65 Jahren wohnen zurMiete. Der durchschnittlicheWohnflächenverbrauch proKopf liegt in Wiesbaden unter dem Bundesdurchschnittvon 45 m2 bei 39,27 m2 proPerson; die durchschnittlicheWohnungsgrößebeträgt283,80 m . Für Ein-PersonenHaushalte über 65 Jahrekann der Wohnflächenkonsum pro Kopf wesentlich höher angenommen werden:mit 120 m2 für Eigentümerhaushalte und mit 80 m2 fürMieterhaushalte.Von einem Veränderungsbedarf oder -wunsch soll für die Bedarfsermittlung nur dann ausgegangen werden, wenn nurnoch eine Person in der betreffenden Wohnung lebt. Es istnicht übertrieben anzunehmen, dass 20% aller Haushalteälterer Menschen über 65 Jahren, die nur aus einer Personbestehen, bei entsprechenden Angeboten grundsätzlich bereit wären, in eine geeignete kleinere Wohnung umzuziehen,weil die bisherige Wohnung zu groß geworden ist. Das würde in Wiesbaden immerhin ca. 3.600 Ein-Personen-Haushaltebetreffen, davon 1.270 Haushalte bzw. Personen in eigenenWohnungen oder Einfamilienhäusern und 2.360 Mieter-Haushalte bzw. Personen, also zusammengenommen bei vorsichtiger Schätzung ca. 15% aller Haushalte über 65 Jahren. In derweiteren Annahme, dass alleinlebende Wohnungseigentümer,die einen höheren Wohnflächenverbrauch gewohnt sind, sichmit einer kleineren Ersatzwohnung in der Größe von 80 m2begnügen würden, dagegen einkommensschwächere Wohnungsmieter mit einer Ersatzwohnung von durchschnittlich60 m2 zufrieden wären, läge das Potenzial für die Einsparungvon Wohnflächen in Wiesbaden durch Freimachung von großen Wohnungen bei immerhin 98.000 m2 Wohnfläche. Legtman eine durchschnittliche Wohnungsgröße in Wiesbadenvon 83,80 m2 zugrunde, würden auf diese Weise insgesamt1.168 Wohnungen für andere wohnungssuchende Haushaltefrei werden.Information und BeratungUm Wohnungen zu finden, die den Ansprüchen Älterer genügen, müssen sich die umzugsbereiten Seniorenhaushalte anAnlaufstellen wenden können, die sie über das vorhandeneErsatzwohnungsangebot informieren, Kontakte herstellen

StadtentwicklungKommunale Strategien zur Förderung des Wohnungstauschs im Alterund umfassend beraten, wie sie einen Umzug bewerkstelligenkönnen. Solche Beratungsstellen werden mangels laufenderWohnungsmarkt-Berichterstattung durch die Städte in derRegel nicht ohne die Unterstützung versierter Maklerunternehmen auskommen können, die über gute Kenntnisse deslokalen Wohnungsmarkts verfügen. Häufig wird es auch möglich sein, auf das Wissen engagierter Selbsthilfegruppen undBaugemeinschaften zurückzugreifen.Für Mieter kann es schwieriger werden, an eine geeignete neueErsatzmietwohnung zu kommen. Für diejenigen, die ihre Wohnungen von einem Wohnungsunternehmen gemietet haben,das über größere Wohnungsbestände verfügt, könnte dieserUmstand von Vorteil sein, weil große Bestandshalter eher inder Lage sind, im Ringtauschverfahren Ersatzwohnungen anzubieten. Sie müssen sich dazu nur bereit erklären. Zu den Beratungsleistungen öffentlich zugänglicher Anlaufstellen gehörtselbstverständlich auch die Klärung von Finanzierungsfragen:Bei Eigentümern wird die Finanzierung des Erwerbs einer ErsatzEigentumswohnung in der Regel kein Problem sein; verfügensie doch meistens aus der Veräußerung lastenfreier Altimmobilien über genügend Mittel, um sich den Erwerb einer neuenEigentumswohnung leisten zu können. Ältere Haushalte neigenaber eher dazu, im Alter zur Miete zu wohnen. Für sie wird dieBezahlung der laufenden Miete aus den Mitteln der Verwertungihrer Altimmobilie in der Regel ebenfalls unproblematisch sein,wenn Erbschaftsfragen zuvor in der Familie geklärt worden sind.Bei Mietern ist die Finanzierung der Miete meistens von denjeweiligen Einkommensverhältnissen der Rentnerhaushalteabhängig. Da die gesetzliche Rentenversicherung weiterhindie Haupteinnahmequelle der meisten Rentnerhaushalte darstellt, aber nur 3% der über 65-Jährigen auf Leistungen derGrundsicherung im Alter angewiesen sind7, können sich diemeisten Mieter im Alter bei den Wohnungskosten keine großen Sprünge mehr leisten. Ihre Wohnkostenbelastung liegtnach dem aktuellen Wohngeld- und Mietenbericht der Bundesregierung im Durchschnitt ohnehin schon über 30% ihresHaushaltsnettoeinkommens.8Folgendes Problem erschwert für Mieterhaushalte die Suche nach einer Ersatzmietwohnung: Da die Angebotsmieten(Neuvermietungsmieten) in der Regel höher als maßvolle Bestandsmieten ausfallen und die Quadratmetermieten für kleineWohnungen zudem meistens über den Mieten für große Wohnungen liegen, kann sich der Umzug in eine kleinere Wohnungfinanziell schnell als Nullsummenspiel herausstellen. Deswegenwird in der Beratung von Mieterhaushalten ein Schwerpunktauf die Kosten der Maßnahme zu legen sein. Wohngeldansprüche und Umzugshilfen sind besonders zu prüfen.Anlaufstellen und UmzugsmanagementAuf der Maßnahme- oder Durchführungsebene geht es umeine zielgerichtete Öffentlichkeitsarbeit, eine qualifizierteBeratung durch niederschwellige frei zugängliche öffentlicheAnlaufstellen und um ein effektives Umzugsmanagement.Voraussetzung für den Beginn der Öffentlichkeitsarbeit ist,dass sich die betreffende Stadt einen guten Überblick darüber verschafft hat, ob die Bereitstellung von ausreichendem geeignetem Ersatzwohnraum überhaupt gewährleistetist, damit die Initiative nicht zum Flop ausartet.9 Die Öffentlichkeitsarbeit sollte daher erst dann beginnen, wenn nachEinschätzung des Reservoirs an geeignetem Wohnraumdurch qualifizierte Marktbeobachter die Angebotssituationgeklärt worden ist, wenn die Stadt ihre Strategie zuvor mitden jeweiligen Verbandsvertretern von Mietern und Eigentümern und mit großenBestandhaltern von Mietwohnungen einvernehmlichbesprochen hat und ggf.ein Pilotprojekt erfolgreichdurchgeführt worden ist.Das skizzierte Programm bedarf also einer guten Vorbe-Abb. 2: Kommunikation, Information und Beratung als Grundvoraussetzung fürs Umzugsmanagement(Foto: Informieren/DE/ZahlenFakten/Einkommen eldund-Mietenbericht-2018.pdf?blob publicationFile&v 19Nach Untersuchungen von InesWeber (2020) zur Bautätigkeit seitMitte der neunziger Jahre ist der Anteil der neu fertig gestellten kleinerenWohnungen unter 100 m2 zurückgegangen und liegt derzeit nur noch beica. 40%.vhw FWS 6 / November – Dezember 2020333

StadtentwicklungKommunale Strategien zur Förderung des Wohnungstauschs im AlterKernelement ist die Einrichtung einer zentralen Beratungsstelle, die dezentral in den verschiedenen Stadtteilen arbeitet undjederzeit auf die interne Unterstützung ihrer Tätigkeit durchgroße Wohnungsunternehmen und qualifizierte Maklerbüroszurückgreifen können muss, um über das vorhandene Angebot an Ersatzwohnungen zu informieren und die Interessenten bei dem Erwerb oder der Anmietung von Ersatzwohnungen unterstützen zu können. Auch das Umzugsmanagementsollte – auf Wunsch der betreffenden Wohnungssuchenden– von einer zentralen Stelle übernommen werden, die dabeiintern z.B. die Dienste von Hausmeisterservice- und Umzugsunternehmen in Anspruch nehmen könnte.Bedenkt man, dass die Gemeinde für den Neubau einer Mietwohnung im öffentlich geförderten Wohnungsbau mit einerdurchschnittlichen Größe von 80 m2 mindestens 20.000,- Eurokommunaler Fördermittel einsetzen muss, um die Mietbelastung für die Neubauwohnung in Grenzen zu halten, fallendemgegenüber die Kosten von nur 7.000,- Euro pro Fall fürdie Mobilisierung von Wohnraumreserven durch Wohnungstausch relativ niedrig aus. Der Einsatz dieser Mittel käme auchdenjenigen Seniorenhaushalten zugute, die aufgrund ihresEinkommens Anspruch auf eine öffentlich geförderte Mietoder Eigentumswohnung hätten. Überhaupt müssten sich diefinanziellen Anstrengungen der Gemeinde auf die Förderungvon preisvergünstigten kleinen Mietwohnungen für Seniorenkonzentrieren (nicht in Altenwohnanlagen, sondern verstreutauf den gesamten Wohnungsbestand einer Stadt!).Kostenschätzungen und EinspareffekteFazitIn Anbetracht der oben beschriebenen monetären Einspareffekte der Gemeinden im Rahmen der kommunalen Wohnraumversorgung steht einer vollständigen oder teilweisenÜbernahme der Kosten der Öffentlichkeitsarbeit, der zentralen Beratungsstelle und des Umzugsmanagements nichtsmehr im Wege. Die Stadt sollte die Personal- und Raumkostender Beratungsstelle – die zweckmäßigerweise bei der jeweilszuständigen Stelle für die Wohnungsbauförderung angegliedert wird –, je nach den Einkommensverhältnissen des betreffenden Personenkreises auch die Kosten des Umzugs bis zueinem bestimmten Höchstbetrag ganz oder teilweise und ggf.auch bestimmte Kosten der Einrichtung der Ersatzwohnungübernehmen. Sie kann diese Aufgaben ggf. auch auf eigeneWohnungsunternehmen übertragen.In Wiesbaden könnten insgesamt 1.168 Wohnungen mit einer mittleren Größe von 83,8 m2 für den Bezug durch andereHaushalte freigemacht werden. Für den Neubau von Wohnungen in dieser Größenordnung im preissubventionierten Mietwohnungsbau müsste die Stadt bei Einsatz von Fördermittelnin Höhe von 20.0000,- Euro pro Wohneinheit insgesamt 23,4Mio. Euro an kommunalen Fördermitteln aufwenden, verteiltauf fünf Jahre immerhin 4,7 Mio. Euro pro Jahr. Die wenigstenStädte sind finanziell in der Lage, so anspruchsvolle Förderprogramme allein für ältere Haushalte aufzustellen. Es liegt auf derHand, welche Variante für die Stadt günstiger ist, um ans Zieleiner bedarfsgerechten Wohnraumversorgung zu gelangen.reitung. Hilfreich dürfte es auch sein, die Erfahrungen vonTrägern von Altenhilfeeinrichtungen einzubeziehen.Für den Anfang sind folgende Kosten in Ansatz zu bringen: für die Öffentlichkeitsarbeit p.a. für die Beratungsstelle (anfänglich50.000,- Euro100.000,- Euroeine Vollzeitstelle) p.a. für anfänglich 100 Umzüge p.a. zu einem500.000,- EuroHöchstförderbetrag von 5.000,- Euro proUmzug für Wohnungsanpassungsmaßnahmen bei50.000,- Euroanfänglich 50 Umzügen p.a. pro Umzugpauschal bis zu 1.000,- Euro insgesamt also für anfänglich700.000,- Euro100 Umzüge p.aBei der für den Anfang geringen Zahl von nur 100 Umzügenpro Jahr fallen somit pro erfolgreichem Umzug in eine kleinereWohnung Kosten von 7.000,- Euro an, deren Einsatz im Ergebnis dazu führt, dass 100 freigemachte große Wohnungenzur Belegung durch andere wohnungssuchende Familien freiwerden, die, wenn sie schon in der Stadt wohnen, wiederumandere Wohnungen freimachen. Bei erfolgreichem Verlaufund steigender Nachfrage steht einer Ausweitung des Programms nichts entgegen.334vhw FWS 6 / November – Dezember 2020Auf die Förderung des Wohnungsneubaus wird die Stadt beider Anwendung der Strategie nicht gänzlich verzichten können, weil nicht der ganze Wohnungsbedarf durch Wohnungstausch gedeckt werden kann. Sie kann ihre Anstrengungenauf diesem Gebiet aber vermindern, wenn ein geringererMitteleinsatz zum selben Erfolg führt. Zumindest ausprobieren sollte sie es, ob die Förderung des Umzugs im Alter durchWohnungstausch nicht doch ein wirksames Mittel zur Bekämpfung der allgemeinen Wohnungsnot und zur Bereitstellung altersgerechten Wohnraums sein kann. Sie würde damitgewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen!Dietrich Schwarz, Rechtsanwalt, MainzEhemaliger Geschäftsführer der SEGStadtentwicklungsgesellschaft Wiesbaden mbHQuellen:Weber, Ines (2020): Entwicklung des individuellen Wohnflächenkonsums zwischen1978 und 2013, in: Raumforschung und Raumordnung 2020, S. 267 ff 3/article-p267.xml

330 vhw FWS 6 / November – Dezember 2020 Stadtentwicklung Kommunale Strategien zur Förderung des Wohnungstauschs im Alter Dietrich Schwarz Wohnen im Alter Kann eine kommunale Strategie der Förderung des Wohnungstauschs erfolgreich sein